Zur Grenze zwischen Mediation und Therapie
Wenn Stärke schützt – und Nähe übergriffig wird
Zur Grenze zwischen Mediation und Therapie
Zwei Frauen sitzen mir gegenüber.
Beide sind es gewohnt, zu reden. Den Raum einzunehmen. Stark zu sein.
Die Mutter ist schnell am Wasser gebaut.
Mit der Zeit wird mir klar: Sie weint nicht um die Beziehung zu ihrer Tochter.
Sie weint um sich selbst. Um ihre Bedürfnisse. Sie spürt einen Verlust ihrer Rolle.
Um die Enkelkinder, die sie sehen möchte. Um den Wunsch, „die Oma sein zu dürfen“.
Um das Gefühl, gebraucht zu werden – und gesehen.
Sie ist stolz, wenn andere sie als Mutter wahrnehmen.
Sie nährt sich daraus, dass die Enkel sie fast wie eine Ersatz-Mama erleben.
Und nun kommt die Tochter – und nimmt ihr das weg.
So fühlt es sich auf jeden Fall für sie an.
Die Tochter wirkt aufgeräumt. Klar. Und gleichzeitig ist da eine Schutzwand.
Sie ist innerlich auf Abstand gegangen, weil sie merkt, wie sehr ihre Mutter sie einnimmt und beeinflusst.
Ihr Mann unterstützt sie.
Sie möchte Distanz – und trotzdem der Mutter die Enkel nicht entziehen. Was für eine Zwickmühle.
Sie sagt klar:
Die Oma ist keine Ersatz-Mama. Und vieles, was die Mutter tut, erlebt sie als übergriffig.
Ich frage, woher diese Empfindungen kommen.
Und schnell landen wir auch hier in der Vergangenheit/Kindheit.
Die Tochter hat früh Verantwortung übernommen.
Die Eltern getrennt. Der ältere Bruder – der Besondere.
Sie: selbständig, organisiert, „kriegt ihr Leben auf die Reihe“.
Und ist trotzdem innerlich bei der Mutter gefangen.
Grenzen sind für die Mutter schwer verständlich.
Was sie als gut und richtig empfindet,
kann für jemand anderen verletzend sein –
diesen Gedanken kann sie kaum greifen.
Im Freundes- und Bekanntenkreis ist sie geschätzt. Fachlich kompetent.
Eine, die weiß, wie es geht.
Wenn sie um Rat gefragt wird, dann soll dieser Rat auch umgesetzt werden.
Nicht abgewogen. Nicht hinterfragt.
Sie ist doch die Fachfrau.
Die Tochter kann diese Fragen kaum noch annehmen.
Und die Mutter versteht nicht, dass sie vielleicht nie gelernt hat, andere Sichtweisen gelten zu lassen.
Sie hat zwei Kinder alleine großgezogen. Musste sich nicht absprechen. Sie hatte keine Zeit für Zweifel.
Die Tochter hat sich ein Schutzschild gebaut und will der Mutter nicht entgegenkommen. Nicht mehr.
An diesem Punkt habe ich es klar benannt:
Hier stößt Mediation an ihre Grenze.
Zu viele alte Knoten.
Zu viele nicht ausgesprochene, zu lange ertragene Verletzungen.
Wir kommen nicht ins gemeinsame Arbeiten.
Wir haben uns entschieden, parallel zu gehen:
Therapie auf der einen Seite.
Mediation auf der anderen.
Ich begleite mit Einzelsitzungen, um Dynamiken aufzubrechen.
Gleichzeitig bin ich selbst in Supervision.
Denn auch für mich ist es wichtig, klar zu bleiben:
Was gehört wohin?
Was spreche ich an?
Was braucht einen anderen Raum?
Bin ich noch in meiner Rolle?
Ich habe diese Konstellation schon öfter erlebt. Und ich mache immer wieder dieselbe Erfahrung:
Es ist gut, dass Therapeut:innen nicht neutral sein müssen.
Sie dürfen Dinge benennen, die ich nicht aussprechen darf,
ohne parteiisch zu wirken.
Wenn die Menschen später wieder in die Mediation kommen, bringen sie oft zwei sehr unterschiedliche Wahrheiten mit. Und genau damit können wir arbeiten.
Denn eines bestätigt sich immer wieder:
Es gibt nie nur eine Wahrheit.
Und es gibt Wege, mit den verschiedenen Wahrheiten umzugehen.
Mediation und Therapie sind keine Konkurrenz.
Sie sind beides wichtige Räume.
Entscheidend ist, dass alle wissen, wo sie gerade sind und welche Rolle sie dort haben.
Diese Klarheit ist kein Detail.
Sie ist die Grundlage für alles Weitere.