Getragen von Liebe: 

Wie schwierige Themen Raum bekommen dürfen

Getragen von Liebe: Wie schwierige Themen Raum bekommen dürfen

Wenn Liebe da ist – und trotzdem etwas fehlt

Über das Nachholen dessen, was nie gesehen wurde

In dieser Mediation sitzen mir ein Vater und seine erwachsene Tochter gegenüber.
Schon nach kurzer Zeit wird deutlich: Das hier ist kein Fall von Kontaktabbruch, von Eskalation oder lautem Konflikt.

Im Gegenteil. Man spürt, wie sehr sich beide lieben.
Und wie wichtig es ihnen ist, dass ihre Beziehung keinen Kratzer bekommt.

Die Familie, aus der sie kommen, ist groß. Patchwork. Vielschichtig.
Und sie funktioniert – erstaunlich gut.
Es wird respektvoll miteinander umgegangen, wohlwollend, verbindlich.

Die Grundfamilie besteht aus fünf Personen, und sie hat viel erlebt.

Eine der Schwestern war in der Kindheit lebensgefährlich erkrankt. Sie brauchte viel Aufmerksamkeit, viel Sorge, viel Präsenz. Die Geschwister verstehen das heute.
Und doch bleibt etwas zurück:
In dieser Zeit wurde anderes nicht gesehen.


Nicht aus bösem Willen. - Sondern weil der Fokus woanders lag.


Die Tochter hatte in ihrer Jugend eigene Schwierigkeiten. Verschiedene Herausforderungen, die damals keinen Namen bekamen. Der Vater ist nicht darauf eingegangen – vielleicht, weil er sie nicht erkannt hat. Vielleicht, weil er nicht wusste, wie.


Heute möchte die Tochter genau darüber sprechen. Sie hat therapeutische Hilfe erhalten und sie möchte die Themen benennen. Nicht, um anzuklagen, sondern um verstanden zu werden.


Sie sagt sinngemäß:
„Papa, ich liebe dich. Du bist mir wichtig.
Ich möchte dich nicht verletzen – aber ich muss dir sagen, was damals gefehlt hat.“


Der Vater ist erschüttert. Nicht defensiv. Nicht abwehrend. Sondern ehrlich betroffen.


Wie konnte er das nicht sehen? Wie konnte er darüber hinweggehen?


Er beginnt, über sich selbst nachzudenken. Über seine Art, wahrzunehmen. Über Empathie. Er erkennt an, dass ihm manches schwerer fällt und lobt gleichzeitig immer wieder die Fähigkeiten seiner Tochter, gerade in der Kommunikation.


In der Mediation ist meine Aufgabe an dieser Stelle nicht, zu bewerten oder zu erklären, sondern dafür zu sorgen, dass beide Sichtweisen nebeneinander stehen dürfen.

Ohne dass die eine die andere überlagert, ohne dass sofort verstanden werden muss.

Ich unterstütze dabei, das Tempo herauszunehmen, Pausen zuzulassen.
Nicht gleich zu reagieren, sondern erst einmal zu spüren, was das Gesagte im eigenen Inneren auslöst.


Denn es ist schwer auszuhalten, dass der Mensch, den man liebt, eine ganz andere Sicht auf dieselbe Geschichte hat.

Ein weiterer Aspekt kommt hinzu:
Die Tochter arbeitet beruflich mit autistischen Menschen. Sie vermutet, dass ihr Vater selbst autistische Züge haben könnte. Es gab einmal eine Testung, die negativ ausgefallen ist, für die Tochter ist es trotzdem klar erkennbar.


Für den Vater ist dieses Thema hoch sensibel. Er erlebt es als Abwertung, als etwas Negatives und macht innerlich dicht.


Die Tochter versucht immer wieder klarzumachen:
Für sie ist das keine Bewertung. Es geht ihr nicht um ein Etikett/Stigmatisierung, sondern darum zu verstehen, wie Kommunikation gelingt.


Auch hier braucht es in der Mediation Raum und Zeit.
Nicht, um zu überzeugen, sondern um wahrzunehmen, was beim jeweils anderen ankommt.

Das Familienleben spielt ebenfalls eine große Rolle.
Der Tochter ist es wichtig, dass Familie viel gemeinsam macht.
Dass man zusammen ist. Zusammen entscheidet. Zusammen lebt.

Rückblickend wird deutlich, wie stark diese Dynamik von der Mutter geprägt war.
Der Vater – und auch seine neue Partnerin – möchten nur begrenzt daran teilhaben.
Nicht aus Ablehnung, sondern weil ihre Bedürfnisse dabei nicht gesehen werden und auch der Teil, der von der neuen Partnerin kommt nicht unbedingt gesehen und integriert wird. Für sie fühlt es sich manchmal überrumpelnd an.


Die Tochter beginnt langsam zu verstehen, dass auch das eine Perspektive ist.

In dieser Mediation geht es nicht darum, Schuld zu verteilen.
Es geht um etwas viel Feineres: um das Nachholen dessen, was nie ausgesprochen wurde.


Meine Rolle ist es dabei, einen sicheren Rahmen zu halten,
- in dem Unterschiedlichkeit nicht sofort gelöst werden muss.
- In dem Stille erlaubt ist.
- Und in dem beide spüren können, dass ihre jeweilige Wahrheit Platz hat.

Der Vater möchte gesehen werden in seinem Bemühen.
Die Tochter möchte gesehen werden in dem, was sie damals gebraucht hätte.

Beide bewegen sich sehr vorsichtig.
Jeder Satz ist getragen von dem Wunsch, die Beziehung zu schützen.
Und gleichzeitig von der Notwendigkeit, ehrlich zu sein.


Es ist nicht die Intension, das, was damals gefehlt hat, zu „reparieren“. Es soll gesehen und benannt werden. Vieles lässt sich dann anders einordnen.
Manchmal geht es nicht darum, etwas ungeschehen zu machen.
Sondern darum, es gemeinsam anzusehen –
mit Zeit, mit Ruhe, mit Offenheit.

Und darin kann viel möglich werden.